70 Jahre BSA – ein Blick zurück

Von Dr. Caspar Einem

Im Bericht an den SPÖ-Parteitag 1946 über seine Gründung definierte der BSA erstmals seine grundlegenden Zielsetzungen: „1. Die Intellektuellen und Akademiker für die Ziele der sozialistischen Bewegung und damit für die SPÖ zu gewinnen; 2. der Partei jene Fachleute zur Verfügung zu stellen, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft benötigt.“[1]

Diese Aufgabendefinition klingt heute ganz unverfänglich und ist wohl immer noch gültig. Es geht darum, besonders qualifizierte Menschen für die Sozialdemokratie zu gewinnen.

Wie wir wissen – und zwar nicht erst seit der Veröffentlichung der umfangreichen Studie von Neugebauer und Schwarz „Der Wille zum aufrechten Gang“- war das nicht immer so unverfänglich. 1946 und in den Folgejahren ging es darum für die an der Regierung beteiligte SPÖ Fachleute zu gewinnen, die ihr nicht nur wegen der Vertreibung und Ermordung von tausenden von Juden fehlten, die zuvor, vor allem in Wien, in der SPÖ organisiert und engagiert waren. Als Arbeiterpartei hatte die SPÖ von Haus aus weniger Akademiker in ihren Reihen, als etwa die Christlich Sozialen, die nunmehrige ÖVP. Daher ging es darum, Akademiker und Intellektuelle für die SPÖ zu gewinnen, die nicht zur ÖVP und ihrer katholisch-christlichen Orientierung wollten. Und da gab es im Grunde nur ehemalige Deutschnationale, spätere Nationalsozialisten zu gewinnen.

Die besondere Attraktivität des BSA bestand darin, dass die SPÖ als Koalitionspartner nicht bloß auf Bundesebene, auch in einzelnen Ländern, eine Vielzahl von Stellen, teilweise in leitenden Funktionen zu vergeben hatte. Während in der ÖVP Mitgliedschaft im CV als Empfehlung galt, war es in der SPÖ Mitgliedschaft im BSA.

Hier kann es nun nicht darum gehen, den Inhalt von Neugebauers und Schwarz‘ Studie zu referieren. Vielmehr soll hier rückblickend festgehalten werden, dass die Bedeutung des BSA als Empfehlungsorganisation inzwischen weitgehend Geschichte ist. Zunehmend werden Positionen in Wirtschaft und Staat nach Qualifikation und nicht mehr nach Parteibuch bzw. Mitgliedschaft in sog. Vorfeldorganisationen vergeben. Und: SPÖ und ÖVP spielen seit geraumer Zeit nicht mehr diese überwältigende Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft.

Ein Blick nach vorn

Was also könnten heute Gründe sein, dem BSA beizutreten und was könnten Gründe sein, die für die SPÖ von Interesse wären, eine solche Vorfeldorganisation zu haben?

Betrachtet man die historische und immer noch gegenwärtige Organisation des BSA so fallen die Fachgruppen unterschiedlicher Berufszweige ins Auge: Ärzte, Lehrer, Hochschullehrer, Offiziere, Angehörige von Wirtschaftsberufen usw. Diese Fachgruppen bedürfen näherer Betrachtung, um ihre Attraktivität bzw. ihren Daseinsgrund zu erkennen: Die in der Fachgruppe der Ärzte und Ärztinnen Organisierten stellen gewissermaßen die sozialdemokratische Basis für die Ärztekammerwahlen dar. Bei den unterschiedlichen LehrerInnen-Fachgruppen geht es um die Personalvertretungswahlen. Das gilt auch für manche andere Fachgruppe im Verband des BSA. Manche Fachgruppen allerdings haben keine solchen operativen Ziele und Organisationszwecke. Bei ihnen geht es primär um die Organisation politischer Diskussionen im Kreise von SozialdemokratInnen – etwa zu Wirtschafts- oder zu Medienfragen.

Mich hat es in meiner Zeit als Präsident des BSA doch etwas überrascht, wie wenig gesamthaftes Interesse an politischen Fragen und politischer Programmatik über den jeweils engen Fachbereich hinaus unter den Vorstandsmitgliedern des BSA zu finden war. Prototypisch dafür war die Antwort eines Lehrerfunktionärs auf die Frage, was ihn denn am Gesamt-BSA und seinem Tun interessiere: „Gar nichts“ war seine Antwort. „Hauptsache ihr stört unsere Fachgruppenarbeit nicht.“

Was aber könnte die Attraktivität des BSA für politisch interessierte Akademiker und Intellektuelle heute sein und was die Attraktivität für die SPÖ?

Die SPÖ ist in Bezirksorganisationen und diese in der Regel in Sektionen organisiert. Die Mitgliederbasis ist Großteils überaltert und schrumpft. Sektionen sind vielfach Gruppen von Menschen, die einander seit mehr als zwanzig Jahren kennen, im gleichen Gemeindebau wohnen, einander wöchentlich treffen und manchmal Referenten einladen – etwa zur Verkehrspolitik im Bezirk, mitunter auch zu politischen Fragen auf Landes- und auf Bundesebene. Solche Gruppen sind immun gegen Neuaufnahmen, sie pflegen den Bestand. Erneuerung findet, wenn überhaupt allenfalls über die Aufnahme von Kindern bisheriger Mitglieder statt, wenn denn diese sich nicht anderweitig interessieren. Kurz: Was tun, wenn einem Funktionär der SPÖ bei einer Veranstaltung die Frage begegnet: Ich möchte bei Ihnen mitarbeiten. Wo ist denn das möglich?

Solche Leute, namentlich Akademiker und Intellektuelle, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in unseren Parteigliederungen abgestoßen. Die kommen einmal und nicht wieder. Da liegt eine große Chance des BSA, und zwar nicht unbedingt in den Fachgruppen, wiewohl auch in manchen davon. Aber die Dachorganisation des BSA kann jederzeit inhaltliche Themen aufgreifen und Interessierte und Engagierte dabei einbinden und ihnen zugleich auch die Möglichkeit geben, sich im politischen Kontext zu qualifizieren, konkrete Projekte zu betreiben und umzusetzen. Und das ist auch in Bezirksgruppen im konkreten Vorfeld der Bezirksparteiorganisation möglich. Wenn sich dort etwa Menschen finden, die zum Thema der Europapolitik arbeiten und diskutieren wollen, dann ist das in einer Bezirksgruppe oder auf Landes- bzw. Bundesebene des BSA jederzeit möglich – und auch sinnvoll.

Der BSA kann heute in Wahrheit nur mehr junge qualifizierte Menschen anziehen, wenn er ihnen Raum für eigene politische Aktion bietet und sie dabei begleitet. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, Ergebnisse solchen Engagements auch in die jeweilige politische Ebene einzusteuern. Hier liegt ein großes Potential, das genutzt werden will. Der jeweilige Präsident des BSA ist aufgrund seiner Direktwahl sehr frei, allerlei politischen Initiativen innerhalb des BSA Raum zu geben und sie zur Stärkung sozialdemokratischer Politik zu nutzen.

Die Attraktivität des BSA ist heute nicht mehr über seine Möglichkeiten zur Stellenvermittlung herstellbar. Das ist weder wünschenswert noch möglich. Was er aber ist, ist eine einzigartige Plattform für politisches Engagement qualifizierter Menschen in einer nicht abstoßenden Umgebung. Das ist seine Attraktivität für die SPÖ – eine Chance, sofern sie sie erkennt.

Dr. Caspar Einem

war von 2002 bis 2008 Präsident des BSA

 

[1] W. Neugebauer/Peter Schwarz: Der Wille zum aufrechten Gang. Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten, Wien 2005, S 29