70 Jahre BSA

Von StR. a.D. Dr. Sepp Rieder

Ich bin stolz darauf, einer Organisation anzugehören, die auch nach siebzig Jahren ihre gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllt, gerade in einer Zeit, in der es alles andere als selbstverständlich ist, sich als Mitglied an eine politische Organisation zu binden. Und ich bin dafür dankbar, dass ich über ein Jahrzehnt für unsere Organisation führende Verantwortung tragen durfte.

 

Bei einer Festveranstaltung des Arbeiterbildungsvereins am 6. Dezember 1902 hat Victor Adler gemeint, „wir verlangen von euch keinerlei Art von Orthographie, wir verlangen von euch nichts als Selbsterkenntnis.“ Um diese Selbsterkenntnis geht es auch heute, und zwar in doppelter Hinsicht: einmal um politische Bildung und zum Zweiten um die Selbsterkenntnis der Politik.

 

In den vergangenen sieben Jahrzenten hat sich unser Leben grundlegend geändert. Mit den Lebensbedingungen hat sich auch das gesellschaftliche Verständnis verändert. Sowohl die realen Anforderungen an die Politik als auch die subjektiven Erwartungen der Menschen an die Politik sind heute andere. Es geht dabei auch nicht um die Grundwerte, die unser politisches Profil ausmachen und die nicht beliebig austauschbar sind je nach der Windrichtung des Zeitgeistes. Das Thema ist aber auch viel weiter gesteckt als bloße Organisations- und Kommunikationsfrage im Internetzeitalter. Es geht schlicht um die Frage nach dem Sinn der Politik, deren Nutzen viele Menschen nicht nachvollziehbar ist, genauso wie der Stellenwert der Gemeinnützigkeit in einer Zeit der Hegemonie der Wirtschaftlichkeit seine ideelle Bedeutung einzubüßen droht.

Wir können im BSA in Anspruch nehmen, uns immer darum bemüht zu haben, mit der gesellschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten und auf aktuelle Fragen der Gesellschaft Antworten zu geben. Und zwar mit Erfolg, sonst gäbe es uns vermutlich nicht mehr.

Es mag heute selbstverständlich sein, dass unserer Organisation von der ersten Stunde an Frauen in führenden Positionen wie als Mitglieder angehörten und die Themen der Frauen zentrale Anliegen des gesamten BSA waren. Jedenfalls war der BSA damit anderen Akademikerorganisationen deutlich voraus. Wir haben uns auch früher und anders als andere mit der Vergangenheit unserer Organisation, was die Mitgliedschaft ehemaliger Nationalsozialisten betraf, auseinandergesetzt und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung auch veröffentlicht.

Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass der BSA auch weiterhin sein intellektuelles Potenzial und seine kreative Kraft dafür einsetzen wird, seinen Beitrag zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Themen einschließlich der großen Aufgabe der politischen Bildung in unsere Zeit zu leisten. Ich wünsche uns dazu die Ausdauer und Beharrlichkeit, die bekanntlich zum Bohren harter Bretter notwendig ist – jetzt und auch in Zukunft.

 

Bild oben: Sepp Rieder anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Jubiläum des BSA im Jahr 1996

StR. a.D. Dr. Sepp Rieder

war von 1990 bis 2002 Präsident des BSA